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Warnemünde: Baumfällung mit Hindernissen

Bildeten eine Mahnwache an der zu fällenden Rosskastanie: Lena Verevkina, Billy Parczyk sowie Dr. Annette und Harry Boog.Bildeten eine Mahnwache an der zu fällenden Rosskastanie: Lena Verevkina, Billy Parczyk sowie Dr. Annette und Harry Boog.22. Februar 2017

Heute war es nun also soweit: Ausgestattet mit Motorkettensäge, Hubbühne und schweren Spezialmaschinen versammelten sich morgens um 07.30 Uhr die Mitarbeiter der Bühner Baumpflege GmbH an der Kastanie in der Warnemünder Kirchenstraße. Wie angekündigt, sollte der, Schätzungen zufolge 100 bis 150 Jahre alte, und sehr markante Baum mit immerhin knapp drei Metern Stammumfang noch vor Öffnung der hier ansässigen Ladengeschäfte gefällt werden. Im Sommer vergangenen Jahres wurde auch an dieser Rosskastanie das europaweit grassierende Pseudomonas-Bakterium nachgewiesen. Rückendeckung für die geplante Aktion gab es von offizieller Seite durch Steffie Soldan, Teamleiterin Stadtbäume beim Rostocker Amt für Stadtgrün, Naturschutz und Landschaftspflege.

Doch, und das war vorhersehbar, es formierte sich Widerstand. Die Warnemünder Dr. Annette und Harry Boog, Billy Parczyk und Lena Verevkina entrollten ein Transparent mit der Aufschrift „In Warnemünde keine Bäume mehr fällen!“, stellten sich vor das Corpus Delicti und bildeten so eine Mahnwache. Schon Wochen zuvor hatten sie in einem Anschreiben an die Stadtverwaltung ihre Sicht auf die Dinge dargestellt und auf einen möglichen Teilerhalt des Baumes gebeten. „Auch wenn ein Befall mit dem Krankheitserreger vorliegt und Verkehrssicherheitsgründe dafür sprechen, ihn abzunehmen, möchten wir zu bedenken geben, dass es sich um die größte Kastanie Warnemündes handelt, der Baum vital ist und in etwa drei Metern Höhe wieder ausschlägt“, heißt es in dem Brief. Die Baumschützer baten außerdem darum abzuwägen, ob bei einem Herabnehmen auf zwei Drittel und parallelen Baumkonservierenden Maßnahmen der Verkehrssicherheit nicht Genüge getan wäre.

Dieses Ansinnen schließt Steffie Soldan kategorisch aus. In der heute sehr emotional geführten Diskussion zeigt sie Verständnis, bringt aber auch ihre Argumente vor: „Für diese Kastanie liegen uns zwei unabhängige Gutachten vor. Es gibt derzeit keine Bekämpfungsmöglichkeiten gegen das Rosskastanien-Sterben und der Baum wird unweigerlich sterben. An diesem prominenten und touristisch stark frequentierten Standort können wir nicht einfach abwarten, bis Schäden verursacht werden – der Baum steht nun einmal nicht auf einer Pferdekoppel!“. Gleichzeitig kündigt die Grünamtsmitarbeiterin an, dass schon im Frühjahr an gleicher Stelle eine Nachpflanzung erfolgen soll: „Wir wollen hier eine Platane mit einem Stammumfang von 20 bis 25 Zentimetern setzen.“

So zögerten sich die Fällarbeiten um etwa eineinhalbstunden hinaus. Erst die hinzugerufene Polizei konnte die Baumschützer schließlich dazu überreden, ihr Ansinnen aufzugeben und nach Hause zu gehen. Sie ließen sich den städtischen Baumbericht und auch die durch den Bau- und Umweltsenator, Holger Matthäus, unterzeichnete Fällgenehmigung vorlegen und um 09.10 Uhr jaulte die Kettensäge auf.

Etwa 20 Rosskastanien im ganzen Stadtgebiet von Rostock, vorwiegend aber im Nordwesten, sind vom Weißfäule verursachenden Pseudomonas-Bakterium befallen. Das erste Anzeichen der Krankheit sind schwarze Leckstellen am Stamm und an starken Ästen in der Krone. Auch Rindenablösungen gehören zum Schadbild. Die Vitalität dieser Bäume nimmt ebenfalls stark ab, Kronenteile sterben in nur wenigen Monaten ab und später auch der ganze Baum. Betroffen sind sowohl weiß als auch rot blühende Kastanien. In vielen Kommunen gibt es bereits Totalverluste an Straßen und markanten Stadtplätzen.

Vor zwei Jahren wurden das Rosskastanien-Sterben erstmals in Rostock nachgewiesen – seit letztem Jahr vermehrt in Warnemünde. In der Parkstraße gab es schon mehrere Baumfällungen.

Internationale Fachleute hoffen jetzt auf die Zucht einer resistenten Kastaniensorte.







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